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Die preußische Madonna.
Auf den Spuren der Königin Luise.

Aufbau Verlag, Berlin 2010.


Kaum eine Herrscherin hat in nur 34 Lebensjahren soviel Sympathie und Aufmerksamkeit auf sich gelenkt wie Luise von Preußen (1776--1810). Nach ihrer Heirat mit Friedrich Wilhelm III. erlangte sie dank ihrer Schönheit und Güte eine Popularität, die sie weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt und beliebt machte. Nach ihrem überraschend frühen Tod wird sie zur „Königin der Herzen“. Novalis, Kleist, Jean Paul, August Wilhelm Schlegel huldigen ihr in ihren Werken. Der Luisenkult ist Geschichte, doch die Verehrung der preußischen Monarchin seit nunmehr 200 Jahren ungebrochen. Entlang der wichtigsten Lebensstationen Luises (der heutigen sogenannten Königin-Luisen-Route) über Hohenzieritz, Neustrelitz, Gransee und Paretz bis nach Berlin zum Mausoleum im Park von Schloss Charlottenburg, wo die Königin bestattet wurde, folgt diese Biographie einem faszinierenden Leben, das die Menschen bis heute bewegt.

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Leseprobe

Strahlend schön hebt sich Schloss Hohenzieritz in cremefarbenem Weiß vom dichten, sommerlich grünen Laub der Parkbäume ab. Unübersehbar glänzt das Wappen der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz am Giebel in leuchtendem Rot, Blau und Gold. Steile Treppen führen zum Eingang hinauf. In der vornehmen grauen Eingangstür sind Fenster eingelassen, die goldene Klinke liegt schwer in der Hand.
Geht man um das Anwesen herum, wird man des herrlichen Landschaftsgartens gewahr, der sich dahinter ausbreitet. Von der Anhöhe, auf der das Schloss steht, scheinen sich Wiesen- und Waldflächen in sanften Wellen stetig abwärts zu bewegen. An seinen Grenzen geht der Park nahezu ansatzlos in die Umgebung über. Es ist, als sei er ein Teil der Landschaft. Selbst die hellbraunen Kühe, die auf der Wiese weiden, scheinen zur Gartengestaltung zu gehören.
Sommerliche Hitze hängt wie schweres wollenes Tuch in der Luft. Wie immer reichen hier in der Gegend nur wenige niederschlagsarme Tage, um den Boden so auszudörren, dass er bei jedem Schritt vor Trockenheit raschelt. Weit sieht man von der Rückseite des Schlosses ins Mecklenburger Land hinaus. Kein Berg, keine Erhebung schränkt den Blick ein, kein Haus, keine Mauer, noch sonst ein höheres Gebäude bremst ihn. Wie ein Meer, erstarrt zu grünen Wiesen, Wäldern und braunen Ackerflächen, liegt das Land dem Betrachter zu Füßen. In der Ferne ist das Blau eines Sees zu erahnen.
Ähnlich heiß und sommerlich muss es im Juli vor zweihundert Jahren gewesen sein. Damals war Luise zu Besuch nach Mecklenburg gekommen, um sich hier nach entbehrungsreicher Zeit im Exil erstmals wieder mit ihrem Vater zu treffen. Drei lange Jahre hatte das preußische Königspaar auf der Flucht vor Napoleon in Königsberg und Memel verbracht. Luise hatte sich unheimlich auf das Wiedersehen gefreut: (Zitat) „Bester Päp! Ich bin tull und varucky. Eben hat mir der gute liebevolle König die Erlaubnis gegeben, zu Ihnen zu kommen, bester Vater!“, schreibt sie ihm, wie oft zitiert, am 19. Juni 1810. Ihre Briefe sind voller solcher eigentümlichen Wortschöpfungen und Lautverschiebungen, die charakteristisch waren für ihr lebhaftes, ungestümes Wesen.
Doch das Wiedersehen sollte kein freudiges bleiben. Wenige Tage nach dem feierlichen Empfang in der herrlich geschmückten Residenzstadt Neustrelitz verspürte Luise Kopfschmerzen und musste sich nach Hohenzieritz zurückziehen. Ihr Vater hatte ihr für die Zeit ihres Besuches seinen Sommersitz nördlich der Residenzstadt zur Verfügung gestellt. Am nächsten Morgen fieberte sie und blieb im Bett liegen. Die Erkältung verschlimmerte sich, bald war von einer Lungenentzündung die Rede, doch selbst als sich Brustkrämpfe einstellten, schlug niemand Alarm. Sie waren bei Luise schon öfter vorgekommen.
Die Königin hütete das Bett. Tagelang kam sie nicht auf die Beine. Draußen brütete die Julihitze. Oberhofmeisterin Sophie Gräfin von Voss (1729--1814), erste Hofdame der Königin, wurde hinzu gerufen. Sie hatte sich kurzzeitig auf ihren Familiensitz nach Groß Gievitz, unweit von Hohenzieritz, zurückgezogen. Die Oberhofmeisterin sorgte dafür, dass Luises Krankenlager ins Erdgeschoss verlegt wurde, weil es dort kühler war. Im Arbeitszimmer des Vaters wurde das Bett aufgestellt, gleich links vom Hauptportal.
Allein der König, Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770--1840), der in Charlottenburg seinen Staatsgeschäften nachging und in täglichen Bulletins über den Gesundheitszustand seiner Frau informiert wurde, war besorgt. Schließlich schickte er einen Berliner Arzt nach Hohenzieritz, den Sanitätsrat Ernst Ludwig Heim (1747--1834), der das Vertrauen der Familie genoss, doch Luises Zustand war inzwischen lebensbedrohlich geworden. Am 18. Juli stellte sich eine Herzembolie ein, die von Atemnot und schweren Erstickungsanfällen begleitet war. Per Eilbote wurde der König in Sanssouci benachrichtigt. Er übergab die Geschäfte seinem Staatsminister Karl August Graf von Hardenberg (1750--1822), nahm seine beiden ältesten Söhne, Kronprinz Friedrich sowie Wilhelm mit und eilte, so schnell ihn die Kutsche trug, nach Hohenzieritz. Ihm war klar, dass seine Frau schwer krank war, doch selbst er ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Luise im Sterben lag.
Gegen fünf Uhr früh erreichte die Kutsche das mecklenburgische Schloss. Der Morgen graute, der Himmel war noch nicht hell. Der König ging sofort in das Zimmer, in dem seine Frau lag, und erschrak, weil sie derart verändert aussah. Die schweren und anhaltenden Krämpfe hatten ihr das Äußerste an Kräften abverlangt.
Luise war nicht allein. Die Oberhofmeisterin stand an ihrem Bett, auch Dr. Heim war zugegen. Luises Vater war aus seiner Residenzstadt Neustrelitz gekommen, ebenso ihr Bruder Georg (1779--1860), zu dem sie ein enges Verhältnis hatte. Als Luise des Königs gewahr wurde, ging ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie begrüßte ihn überschwänglich: „Lieber Freund, wie freue ich mich, dich zu sehen, gut, dass Du wieder da bist.“
Luise und Friedrich Wilhelm duzten sich. Schon wenige Tage nach ihrer Eheschließung hatten die beiden den preußischen Hof damit in Erstaunen versetzt, dass sie von der standesgemäßen Form der Anrede in dritter Person absahen. Sie brachen darin mit allen Konventionen. In den europäischen Herrscherhäusern siezten sich zu der Zeit selbst Geschwister untereinander.
Der König trat rasch an Luises Bett und erwiderte ihre Begrüßung. Sie fühlte sich erleichtert durch sein Kommen, fragte ihn nach seinem Befinden, nach dem Verlauf seiner Reise, doch er sah, dass ihre Kräfte schwanden. Keiner hatte ihr bislang gesagt, dass ihr Ende nahe sei. Er kniete sich an ihr Bett, nahm ihre Hand und fragte, ob sie noch einen letzten Wunsch habe. Sie verstand ihn erst nicht, wollte ihm darauf nicht antworten, rief nach einem anderen, der ihr die schlimme Nachricht bestätigen sollte, doch allmählich begriff sie: (Zitat) „Dein Glück und die Erziehung der Kinder“, antwortete sie schließlich. Er hielt weiter ihre Hand und hauchte in ihre Finger, um sie zu wärmen. Sie erwähnte Hardenberg, den Minister, dem sie am meisten vertraute. Er werde ihm zur Seite stehen, so hoffte sie für ihren Mann.
Der König ließ sie nicht mehr los, hielt ihre Finger während der nächsten Anfälle fest in beiden Händen. Auch Luises letzte Worte sind präzise überliefert: „Ich sterbe von oben herab … Ach Gott, verlass mich nicht.“ Schließlich rief sie: „Herr Jesus mach es kurz.“ Dann wurde sie erlöst. Der König selbst drückte ihr die Augen zu. Es war der frühe Morgen des 19. Juli 1810. Die Uhr im Zimmer schlug neun.
Die Autopsie würde später zeigen, dass Luises Lunge stark angegriffen war, der rechte Flügel von einem Tumor zerfressen. Hier kam jegliche Hilfe zu spät. Niemand hatte um ihren Zustand gewusst. Luise war erst vierunddreißig. Ihr Tod kam völlig überraschend.
Der König war wie gelähmt. Gemeinsam mit seinen Kindern ging er in den Garten. Auch Karl und Charlotte, die beiden jüngeren Geschwister, hatten inzwischen das Sterbelager ihrer Mutter erreicht. Sie suchten nach der Stelle, wo Luise sich zum letzten Mal draußen aufgehalten hatte. Bei der sommerlichen Teestunde Ende Juni hier auf ihrer Lieblingsbank musste Luise schon Kopfschmerzen verspürt haben. Die Kinder pflückten Blumen, Fritz, Wilhelm und Karl jeder für sich eine weiße Rose, Charlotte wand einen Kranz aus Rosen. Der König wählte eine Rose mit drei Knospen als Anspielung auf die drei jüngsten Kinder, die nicht zugegen waren: Alexandrine, Luise und Albrecht. Zehn Kinder hatte Luise insgesamt geboren, der Jüngste zählte bei ihrem Tod noch kein Jahr. Sieben erreichten das Erwachsenenalter, vier Jungen und drei Mädchen.
Ähnlich wie zu ihrem Mann, pflegte Luise auch eine innige Beziehung zu ihren Kindern. Die Mutter hatte sie in aller Öffentlichkeit umarmt und geküsst, sie hatte sie nach Möglichkeit jederzeit um sich haben wollen. Zahlreiche Abbildungen zeigen Luise beschäftigt mit einer häuslichen Tätigkeit, sitzend oder stehend im Kreis ihrer Kinder, auf Spaziergängen Hand in Hand mit den Kleinen oder im Garten, gemeinsam in ein Spiel vertieft. Auch dahingehend brach sie mit standesgemäßen Konventionen.
Umso schwerer fiel es den Kindern jetzt, den Tod ihrer Mutter zu begreifen. Jahrelang konnten sie sich nicht trösten. Der König versank in tiefe Melancholie. Dreißig Jahre würde er seine Frau überleben.
Während der König und seine Kinder versuchten, das Unfassbare zu begreifen, entwickelte sich um sie herum rastloses Treiben. Auch dem distanziertesten Beobachter musste in diesem Augenblick klar sein, dass Luises Tod die Chance für Preußen schlechthin war. Das Land hatte 1806 in den Schlachten von Jena und Auerstedt gegen Napoleon (1769--1821) beispiellose Niederlagen erlitten. In den nachfolgenden Friedensverhandlungen hatte es über die Hälfte seines Territoriums verloren. Die Regierung musste Reparationen in Höhe von 92 Millionen Talern an Frankreich zahlen. Als Ergebnis der Verhandlungen hätte Preußen auch ganz von der Landkarte verschwunden sein können. In diesen Zeiten der Demütigungen und Schwächung kam der Tod Luises gerade recht. Sie wurde als Opfer dargestellt, ihr Sterben als teuerster Tribut. Ein Volk vereint in der Trauer um seine geliebte Königin – nichts konnte wirkungsvoller sein, um im Land selbst Mut zu schöpfen und nach außen Zusammenhalt, Kraft und neues Selbstbewusstsein zu demonstrieren.
Eiligst wurde Hofbildhauer Christian Philipp Wolff gerufen. Er musste die Totenmaske abnehmen. Gleich anschließend wurde der Leichnam in essiggetränkte Tücher gewickelt. Nur eines hatte jetzt Priorität: Wie bleibt die Tote bei der sommerlichen Hitze möglichst lange Zeit unversehrt? Ein Staatsakt sollte zelebriert werden, ein Begräbnis, das an Dramatik alles zuvor Gewesene überbot. So viele Menschen wie möglich sollten Gelegenheit bekommen, Luise noch einmal zu sehen. In Hohenzieritz sollte der Trauerzug beginnen, durch die Städte und Dörfer am Rande der Straße verlaufen, bis nach Berlin. Dort würde daraus längst ein Triumphzug geworden sein.
Fieberhaft wurde das Reglement zur Überführung der Leiche zusammengestellt. Eine pechschwarze Kutsche musste es sein, die den Sarg transportierte, rabenschwarze Pferde wurden davor gespannt.
Zehn herzoglich-strelitzsche Kammerherren hatten am 25. Juli 1810 um zwei Uhr früh vor Schloss Hohenzieritz bereitzustehen. Sie hoben den Sarg auf den königlichen Leichenwagen und gaben der Königin bis zur preußischen Landesgrenze das Geleit. Gleich hinter dem Leichenwagen folgte die königliche Kutsche. Da Friedrich Wilhelm mit den Kindern schon nach Berlin vorausgefahren war, saß darin tiefverschleiert nur eine einzige Person: Ihre treue Oberhofmeisterin Sophie Voss, die später über den Trauerzug berichtete: „Was ich in diesen drei Tagen gelitten habe, kann kein menschliches Wort sagen.“
Zwei königliche Stallmeister zu Pferd begleiteten zusätzlich die Equipage. Allen Beteiligten war gleichermaßen unwohl und beklommen zumute. (Zitat) „Die feierliche Stille, der schöne friedliche Morgen – alles voller Andacht, Thränen und Schmerz. Nicht eine Königin beweinte man: Eine gute große edle Frau.“
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung, nur im Schritttempo ging es voran, drei Tage würde er dauern, über eine präzise festgelegte Strecke führen. Am ersten Tag ging es über Weisdin, Fürstensee, Fürstenberg, Dannenwalde bis nach Gransee, am zweiten Richtung Oranienburg. Möglichst durch den Wald sollte der Leichenwagen fahren oder über Straßen, die von Bäumen gesäumt waren, damit der Sarg nicht direkter Sonnenbestrahlung ausgesetzt war. (Zitat) „Der Kühlung halber war ein eigener Weg durch den Wald gelichtet worden (...). Der mit Sammet behangene Sarg schwebte in einem mit Stahlfedern versehenen Gestelle und die Seitenwände, gegen welche er durch das Rütteln des Fahrens anstoßen konnte, waren mit Matratzen ausgepolstert.“
Die Inszenierung gelang. Alle Kirchenglocken läuteten, die Menschen standen Spalier, jeder trug Trauerflor, selbst die Ärmsten. Kein Ton war zu hören, nur das Schnauben der Pferde, das Knarren der Wagen und Räder. Niemand sprach. Schweigend nahmen die Leute Abschied von ihrer Königin. Eine Prozession von entsetzlicher Traurigkeit.

  Christine Brühl, Christine Gräfin Brühl, Christine von Brühl, Christine Gräfin von Brühl, Dr. Christine Gräfin von Brühl