Start
Buecher
Lesungen/Termine
Biografisches
Buecher kaufen
Kontakt
 
           
 

Von Hundert auf Glücklich.
Wie ich die Langsamkeit wiederentdeckte
.
rütten & loeningh, Berlin 2011.

Fax, Internet und Handy – wir kommunizieren rasant, informieren uns binnen Minuten, gelangen mit dem Auto flugs von hier nach dort, wir kochen schnell, essen schnell vergnügen uns schnell. All das dient einer enormen Zeitersparnis, doch wo ist die eingesparte Zeit
Christine von Brühl hat sich auf die Suche gemacht. Sie tritt auf dei Bremse und widersetzt sich in ihrem Selbstversuch der allgemeinen Hast. Sie nimmt weniger Termine an, checkt die E-Mails nur noch einmal am Tag und schaltet stunden-, bisweilen auch tagelang Telefon und Handy aus. Sie geht, isst, spricht langsamer. Und siehe da, es funktioniert!

Buch kaufen

 

   
 

Leseprobe

Eigentlich habe ich es zu meinem Arbeitsplatz nicht weit. Ich kann mir meine Zeit als Freiberuflerin selbst einteilen, und mein Büro ist nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt. Trotzdem stürme ich jeden Morgen, sobald ich die Kinder in die Schule gebracht habe, wie von der Tarantel gestochen an meinen Schreibtisch. Ich könnte ja einen wichtigen Anruf versäumen, womöglich eine E-Mail zu spät beantworten und dann erst recht keine Zeit mehr haben, den Text, an dem ich gerade sitze, weiter zu entwickeln. Auch mit dem Fotografen muss ich sprechen, der die Porträts von mir für den Klappentext vom Buchcover und die Werbematerialen gemacht hat und meine website aktualisieren. Eine Zeitung hatte angefragt, ob honorarfreie Bilder zur Verfügung standen. Die Journalistin, die den Text dazu geschrieben hatte, musste ich zurück rufen, gar nicht zu reden von den unzähligen Kleinigkeiten, die für meine Kinder zu organisieren waren. Keine Zeit, keine Zeit.
Ich renne den Weg entlang zu dem Berliner Mietshaus, in dem sich mein Büro befindet, stemme mich gegen das hohe Eingangstor aus schwerem Holz und laufe durch die Einfahrt. Mein Rücken ist verspannt, die Stirn tief in Falten gelegt, der Nacken hart wie ein Brett. Ich bin in Kampfstimmung, noch bevor die Arbeit überhaupt begonnen hat. Durch mein Hirn rasen die Fakten, die ich in meiner Mail gleich aufzählen will. Meine Lippen formulieren lautlos das zweite Kapitel des Manuskripts, an dem ich gerade arbeite. Hinzu gesellt sich ein knurrender Magen. Wie immer bin ich dem Irrglauben erlegen, ein Frühstück könnte ich mir angesichts meiner angespannten beruflichen Situation nicht leisten. Mehr als zwei Tassen grünlich schimmernden Kräutertees habe ich mir in der Früh nicht gegönnt. Und das alles, obwohl kein Mensch kontrolliert, ob ich die Erste am Arbeitsplatz bin. Keiner prüft nach, wie viele Stunden und zu welcher Tageszeit ich meine Tätigkeit verrichte.
Bis in das Hinterhaus, in dem sich meine Arbeitswohnung befindet, sind es nur wenige Schritte. Ich laufe die Treppen hinauf, schließe die Tür auf, renne ins Büro und stelle den Laptop auf den Schreibtisch. Hektisch setze ich in der Küche Wasser auf, gehe zurück ins Arbeitszimmer, schalte das Licht ein und setze gleichzeitig Computer, Drucker und Faxgerät in Gang. Mit Getöse starten die Maschinen. Der gerade noch so stille Raum ist plötzlich lärmerfüllt. Kaum ist der Computer hochgefahren, habe ich in meinem Adressprogramm die Telefonnummer gefunden und greife auch schon zum Hörer. Inzwischen zittern meine Hände, so unterzuckert bin ich. Allein das Geräusch des Wassers, das angefangen hat zu kochen, hält mich davon ab, gleich die Nummer zu wählen. Ich gehe in die Küche und gieße mir erst einmal einen Kaffee auf. Der wird auch meinen Hunger stillen.
Warum muss ich eigentlich immer so rasen? Warum muss ich immer die Schnellste von allen, immer an vorderster Stelle sein? Selbst wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, fahre ich, nach Möglichkeit, so schnell ich kann. Eine Ampel, die auf Gelb schaltet, ist für mich eine glatte Herausforderung. Ich verlangsame mein Tempo nicht etwa und bremse allmählich ab, sondern trete erst recht in die Pedale. Ich möchte unbedingt noch über die Kreuzung kommen, bevor es Rot wird.
Woher kommt dieser Wahn? Ist es sinnloser Leistungsdruck? Eine Art Kampfstimmung, in die ich als Freiberuflerin unbewusst geraten bin? Ist es Existenzangst? Am Ende kommt die Anspannung gar nicht von außen, sondern ist eine Art innerer Gehorsam? Vielleicht habe ich es geerbt? Ein Teil meiner Familie hat im Zweiten Weltkrieg alles verloren und musste fliehen. Viele Flüchtlinge blieben ihr Leben lang der festen Überzeugung, ihr Geld würde prinzipiell nicht reichen, sie würden nie wieder auf einen grünen Zweig kommen. Entsprechend erzogen sie ihre Kinder. Steckt mir das vielleicht in den Knochen? Davon müsste man sich doch am allerleichtesten verabschieden können.
Leider ist es nicht nur ein individuell bestimmter, innerer Drang, der uns zur Schnelligkeit antreibt. Der Druck kommt von allen Seiten. Und er wächst täglich. Fast jeder hat heute ein Faxgerät, Internetzugang und mobile Telefone zur Verfügung, wir können schnell miteinander kommunizieren, von nahezu jedem Ort der Welt in Sekunden mit fast jedem anderen Ort der Welt Kontakt aufnehmen und uns mühelos über alles informieren. Wir können uns rasch von einer Stadt in die nächste bewegen, haben zuhause Gefrierschränke, Mikrowellen, Fernseher, Video- und DVD-Beamer – können schnell kochen, schnell essen, uns schnell und unmittelbar ablenken und vergnügen. All das dient einer enormen Zeitersparnis, und jeder von uns müsste jede Menge freie Zeit übrig haben, doch das Gegenteil ist der Fall. Wir kennen alles, nur keine Muße.
In der ersten Phase meines Selbstversuches habe ich mich bemüht, meine Mobilität generell einzuschränken. Ich bin langsamer Fahrrad gefahren, habe mich im Auto strikt an die gebotene Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten und auf der Autobahn nach Möglichkeit an ein Tempo von durchschnittlich hundert Stundenkilometern. Keiner muss der Erste am Ziel sein, bete ich mir leise vor, wenn ich abends gelegentlich in den Berufsverkehr gerate: Wir wollen alle nur nach Hause und dort sicher ankommen.
Da ich an Reisefieber kranke, störte mich meine eingeschränkte Mobilität nicht im Geringsten. Sie fiel mir sogar kaum auf. Auch wenn ich zu Fuß ging, habe ich mich bemüht, mein Tempo einzuschränken. Damit ich das in der täglichen Hektik nicht vergaß, baute ich mir bewusst kleine Hindernisse und Erinnerungen in den Alltag ein. Ich achtete darauf, auf dem morgendlichen Weg ins Büro jede Gehwegplatte einzeln zu betreten. Dazu musste ich den Blick senken, genau hinschauen, und mir fiel auf, wie unterschiedlich die einzelnen Platten aussahen. Sie sind, typisch für Berlin, aus grauem, glitzerndem Granit, eine lang und schmal, die nächste fast quadratisch. Von oben wirken sie glatt und einigermaßen eben, von unten hingegen hängen unbehauene, klobige Felsklötze daran. Jede Platte ist so unermesslich schwer, dass die Straßenarbeiter, wenn ein Rohr oder ein Kabel neu verlegt werden muss, ein eigens dazu erfundenes Werkzeug zum Einsatz bringen und wenigstens zu zweit sein müssen, um sie auch nur millimeterweise fortbewegen zu können. Von zwei Seiten packen sie den Stein mit einer überdimensionalen Eisenzange, stemmen ihn aus dem Boden und hieven ihn dann unter dem Einsatz der gesamten Körperkraft schrittweise zur Seite. Dort legen sie ihn vorsichtig ab.
Warum hat Berlin ein so tonnenschweres Pflaster? Die Granitplatten stammen aus Schweden. Sie waren das Ausgleichsgewicht für die Schiffe, die im 18. Jahrhundert Getreide in den Norden transportierten und leer über die Nord- und Ostsee zurückkehrten. Sicher und wohlbehalten im heimatlichen Hafen angekommen, wurden die schweren Steine abgeladen und die Schiffe wieder neu mit Roggen oder Weizen gefüllt. Die Steine waren praktisch ein Abfallprodukt und fanden in Form von Gehwegplatten eine sinnvolle Weiterverwendung. Nicht nur Berlins Bürgersteige wurden damit gepflastert, auch andere Orte und Städte im ehemals preußischen Umland erfreuen sich bis heute derart trittfester Wege – ein Zeichen für den schwunghaften Getreidehandel mit Skandinavien vor zweihundert Jahren.
Mit den Jahren haben sich die Platten unterschiedlich stark abgesenkt. Der Kanten, über die man stolpern kann, gibt es viele. Ich wusste, dass zwei Straßen weiter ganze Gehwegabschnitte gesperrt wurden, weil die Pflastersteine neu ausgerichtet werden mussten. Das gehört offensichtlich zum Berliner Alltag: Absperrungen und Umleitungen, nur weil jede Platte angehoben, mit Sand und Kiesel unterfüttert und wieder korrekt abgelegt, also der Gehweg begradigt werden muss. Wären die Platten von anderer Beschaffenheit gewesen, hätten sie sich womöglich nicht in so eigenwilliger Manier abgesenkt. Mir gefiel diese Unordentlichkeit. Ich begann, die Berliner Pflastersteine zu mögen.

  Christine Brühl, Christine Gräfin Brühl, Christine von Brühl, Christine Gräfin von Brühl, Dr. Christine Gräfin von Brühl