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Noblesse Oblige.
Die Kunst, ein adliges Leben zu führen

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008.

 

Das Zugehörigkeitsgefühl eines Adligen zu seiner jahrhundertealten Familie ist bis heute ungebrochen. Egal ob Heirat, Verwandtschaft, Erziehung der Kinder oder Lebensstil – man hält sich immer noch streng an die Regeln der Etikette. Walzer lernt der, die junge Adlige nicht in der Tanzschule, sondern beim Séjour mit anderen Standesgenossen auf einem Schloss, der Jagdschein gilt heute noch ebenso viel wie der Führerschein und seinen zukünftigen Partner sucht sich jeder selbstredend in angemessener Robe auf standesgemäßen Festen aus. Das Leben ist mit rauschenden Bällen und leichfüßiger Konversation, mit schönen Kleidern und einem starken Gefühl für Verwandtschaft und familiärer Nähe verbunden, doch was romantisch klingt, entbehrt nicht gewisser Eigenheiten: Schlösser sind sommers wie winters kalt, die Toiletten befinden sich mitunter nachträglich eingebaut in Schränken auf einsamen Gängen und die Wege von der Eingangstür bis zum Salon kann Stunden dauern. Die notorische Technikfeindschaft ist seit der Erfindung des Mobiltelefons allerdings passé: Wer auf einem Schloss lebt ist froh, wenn er nicht mehr Kilometer zurücklegen muss, um rechtzeitig ans Telefon zu gelangen.

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Leseprobe

Etwa mit sechzehn stellte sich mir zum ersten Mal die Frage, ob ich einen Adligen heiraten sollte oder nicht. Meine jüngere Schwester machte gerade eine Gärtnerlehre und ihr Meister, der um ihre Herkunft wusste, zog sie täglich damit auf, ob sie sich schon einen standesgemäßen Ehemann ausgeguckt hätte.
Nun ist man ja im reifen Alter von 15 Jahren nicht unbedingt so souverän, auf solch frotzelnde Bemerkungen von Erwachsenen immer die richtige Antwort zu haben. Immerhin war meine Schwester so schlagfertig, mit ihrem Meister und seiner Frau, die ansonsten ausgesprochen nette Menschen sind und das Herz unbedingt auf dem rechten Fleck haben, eine Wette abzuschließen. Sie würde garantiert keinen Adligen heiraten, das sei ihr alles zu dumm. Dafür müssten die beiden Gärtnersleute ihr nach der Hochzeit aber eine Flasche Champagner spendieren. Sollte sie wider Erwarten doch einem Grafen, Fürsten oder Prinzen in die Fänge geraten, würde sie selbst eine Flasche ausgeben.
Bei mir war die Sachlage ein wenig anders. Ich dachte, ich müsste einen Adligen heiraten, ich käme sozusagen nicht darum herum. Schließlich wird man als Adlige so erzogen. Keiner heirate gefälligst unter seinem Stand. Man hat auch nach Möglichkeit nur adlige Freunde, geht nur mit Adligen aus und korrespondiert ausschließlich mit Adligen. Natürlich gibt es auch andere Menschen, Bürgerliche sozusagen, aber mit denen hat man höchstens Umgang, man grüßt freundlich, spricht ein paar Takte miteinander, wahre Freundschaften jedoch werden nur mit Adligen geschlossen. So die Erziehung.
Die Wirklichkeit war und ist ein wenig anders. Ich ging auf ein gewöhnliches städtisches Gymnasium. Da gab es außer mir keinen einzigen Adligen und wenn, dann hielten sie sich ähnlich gut versteckt wie ich. Meine Freunde waren alle bürgerlich, und ich musste meine Parallelwelt gut tarnen. Wenn man mich nach meinem Namen fragte, ließ ich das „von und zu“, was gemeinhin zu adligen Nachnamen gehört, weg, und wenn eine meiner Freundinnen ihren Besuch ankündigte, versteckte ich tunlichst alle Hinweise auf meine komische Abstammung.
Ich bewunderte meine Schwester für ihre Kühnheit, sie war schon immer mutiger als ich. Sie konnte vor mir Rollschuh laufen, Fahrrad fahren, ja sogar den Freischwimmer absolvierte sie noch kurz vor mir. Eine Gärtnerlehre ist in adeligen Kreisen auch nicht gerade üblich. Aber was Verlobung und Eheschließung anging, so glaubte ich niemals, dass sie sich durchsetzen würde. Schließlich war auch sie eine Adlige und würde genau wie ich standesgemäß heiraten müssen.
Bei den Adligen heißt es, eine Ehe mit einem Bürgerlichen sei unaufhaltsam dem Untergang geweiht. Mit einem bürgerlichen Ehemann werde man auf Dauer nicht glücklich. Das sei keine Basis, und Ehen ohne Basis hätten keine Überlebenschancen. Die seien ja womöglich nur aus Liebe geschlossen worden. Und nichts sei so gefährlich wie die Liebe. Sie sei romantisch, aber unrealistisch.
Meiner Schwester war das alles schnurzegal. Sie verliebte sich kurzerhand in einen Bürgerlichen und behauptete, dies sei der schlagende Beweis: Niemals würde sie einen Adligen heiraten. Nicht dass sie diesen ersten Bürgerlichen gleich geheiratet hätte, aber sie behauptete steif und fest, sie könne sich gar nicht erst in einen Mann mit Titel verlieben. Die seien doch so uninteressant und langweilig. Ich widersprach ihr nicht – was zählen bei einer frisch Verliebten schon Argumente, und manche Adlige sind in der Tat schon als junge Menschen ziemlich langweilig. Aber insgeheim dachte ich mir, sie werde damit nicht durchkommen. Liebe hat in den Augen Adliger schließlich nichts mit Ehe zu tun, also zählt sie auch nicht als Beweis.
Am besten ist in den Augen der Adligen die sogenannte „gesteckte“ Ehe, wie schon meine Großmutter es nannte: eine Ehe zwischen zwei Menschen, die bewusst und mit Absicht zusammengeführt werden, eine Ehe, die praktisch am Grünen Tisch geplant, verhandelt, beschlossen und, um es in der Terminologie der Adelswelt auszudrücken, aus dem Gotha gesucht worden ist. Der Gotha, das Genealogische Handbuch des Adels, ist die eigentliche Bibel der Adligen. Im Grunde ist es ein Stammbuch, ein Verzeichnis sämtlicher adliger Familien und ihrer Abstammungen. Es gibt, insgesamt gesehen, nicht sehr viele Adlige, jedenfalls nicht viele Adlige, die immer alles richtig gemacht haben, da musste sich schon einer die Mühe machen und sie alle einmal auflisten. Erst dann konnte man sagen, wer alles dazugehört, und wer vor allem nicht dazugehört, auch wenn er es noch so standfest behauptet.
Abgesehen von fleißiger Gotha-Lektüre gibt es weitere Maßnahmen, die der Adlige traditionsgemäß ergreift, damit die Heranwachsenden sich gegenseitig kennenlernen und ja nicht nur Umgang mit Bürgerlichen haben. Man lädt zum Faschingsfest mit Polonaise durchs ganze Haus, zur gemeinsamen Fahrradtour, zum Sommerball oder zur Jagd ein. Ein Jagdschein ist unter Adligen, insbesondere der männlichen Sorte, nahezu eine Selbstverständlichkeit. Wer ihn ablehnt, legt, ähnlich wie ein Wehrdienstverweigerer, ein politisches Statement ab. Für die berühmten Feste muss man tanzen lernen: Walzer, Foxtrott, Rock and Roll, meinetwegen auch Tango – das sollte jedem Adligen früher oder später ins gewissermaßen blaue Blut übergegangen sein. Ein Adliger, der nicht tanzen kann, hat ein Problem.
Auch meine Schwester und ich wurden zu solchen Fahrradtouren, Tanzkursen und kleineren oder größeren Festen eingeladen. Das einzige Problem daran sind die Einladungen, denn Adlige laden immer schriftlich, per Post und in vollendeter Form ein. Die entsprechenden Karten werden in standesgemäßer Schrift gedruckt. (Es gibt in der Tat eine ganz bestimmte Druckschrift, die alle Adligen auf ihren Anzeigen und Einladungen verwenden und an der man ihre Zuschriften schon von weitem erkennt). Sie enthalten den Anlass des Festes, den Namen des Gastgebers mit allen Von und Zus und Übers und Unters und führen vor allem aber auch in vollem Umfang den Namen des Eingeladenen auf.
Genau das wird es zuweilen kompliziert. Wer auf ein gewöhnliches städtisches oder ländliches Gymnasium geht, ist seinen Mitschülern sicher mit Vornamen und unter Umständen auch mit Nachnamen gut bekannt. Doch jeder jugendliche Adlige wird es um Himmels willen vermeiden, das Von, den Baron oder gar die Gräfin hinzuzufügen, die in seinem Pass stehen, ja, er wird hoffen, dass die meisten in seiner Klasse gar nicht mitbekommen haben, dass er so heißt, dass die Person, die sich hinter einem gewöhnlichen Vornamen wie Christine, Friedrich oder Maximilian verbirgt, in Wahrheit ein echter Graf oder eine echte Gräfin ist. Was tun, wenn nun einer der Mitschüler zu Besuch kommt, womöglich unangemeldet, und an der Korkwand pinnt die Einladung zum nächsten Sommerball von Onkel Prinz und Tante Prinzessin Soundso anlässlich des Geburtstages ihrer Tochter?
Es gibt wohl keinen jugendlichen Adligen, bei dem in so einer Situation nicht der Angstschweiß aus allen Poren bricht und der nicht zu seiner Pinnwand rennt und diese Einladungen, die neben dem Stundenplan, der Telefonliste, den Trainingsangaben zur nächsten Tennis- oder Reitstunde und irgendwelchen Urlaubspostkarten hängen, so schnell wie möglich herunterreißt. Denn niemand kann sich vorstellen, in welches Hohngelächter eine Schulklasse in besagtem städtischen Gymnasium ausbrechen würde, wenn sie am nächsten Tag zu hören kriegt, dass einer ihre Mitschüler bei Prinzens zum Sommerball eingeladen ist.
Und es sind nicht nur die Schüler, es sind auch viele Lehrer, die spöttische Bemerkung über den Adel fallen lassen, es sind die Kumpel vom Sport, die damit nicht umgehen können, es sind später auch die Kommilitonen, es ist am Ende die ganze Welt, die einem Adligen mit Spott, Unwillen, zumindest Befremden begegnet. Jedenfalls kommt einem das als Jugendliche so vor.

  Christine Brühl, Christine Gräfin Brühl, Christine von Brühl, Christine Gräfin von Brühl, Dr. Christine Gräfin von Brühl