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Out of Adel

Gustav Kiepenheuer, Berlin 2009.

 

Liebe kennt keine Schranken. Oder? In diesem Buch erzählt Christine Gräfin von Brühl von einer eigentlich unmöglichen Liebe zwischen einer westdeutschen Adeligen und einem ostdeutschen Künstler, deren familiäre und kulturelle Hintergründe unterschiedlicher nicht sein könnten, von zugigen Schlössern und besetzten Häusern, von rauschenden Bällen und wilden Künstlerpartys, von eleganten Diners und Rotwein am Lagerfeuer und von verzweifelten Schwiegereltern. Eine hinreißende Farce über Standesschranken im 21. Jahrhundert und wie man sie überwindet – brillant, ironisch und garantiert nicht bürgerlich.

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Leseprobe

Ich begegnete diesem Mann zum ersten Mal in einer Ausstellung. Während ich intensiv damit beschäftigt war, genügend Material zu sammeln, um einen einigermaßen fundierten Beitrag für meine Zeitung zu verfassen, quälte den Mann, dem ich in Kürze gegenüberstehen würde, in erster Linie die Frage, wie er die linke Schulterklappe an seiner Lederjacke befestigen könne, ohne dass alle Beteiligten auf Anhieb bemerkten, dass der entsprechende Knopf abgefallen war. Nachdem er im Handschuhfach seines verbeulten Lieferwagens Sekundenkleber gefunden und ihn ohne Umschweife zum Einsatz gebracht hatte, ereilte ihn schon die nächste Herausforderung. So stand unsere erste Begegnung im Schatten der existentiellen Frage: Wie lassen sich auf die Schnelle menschliche Haut und eine schwarze Lederoberfläche voneinander lösen, ohne dass der Eigentümer dieser Haut in entsetzliches Schmerzgeheul ausbricht? Denn Schrat hatte versehentlich seine Finger mit an die Jacke geklebt.
Obwohl sich seine Hand also in unauflöslicher Eintracht mit der linken Schulterklappe seiner Lederjacke befand, als er mir plötzlich gegenüberstand, gelang es ihm, mir die wenig originelle Frage zu stellen: »Haben wir uns nicht irgendwo schon einmal gesehen?«
Jeder weiß, dass es kaum eine Frage gibt, die ungeeigneter wäre, eine Frau näher kennenzulernen, die man eben noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hat. So blöd sind Frauen nicht, als dass sie nicht wüssten, dass ihr männliches Gegenüber in diesem Moment nicht die Wahrheit spricht. Zudem war ich abgelenkt, stand gewissermaßen unter Strom,
doch weniger wegen des attraktiven Mannes, der da vor mir stand. Wer bei der Zeitung arbeitet, ob als Fotograf oder Autor, steht zwangsläufig unter Druck, und sei es auch nur
aus zeitlichen Gründen. Ich hatte von zeitgenössischer Kunst wenig Ahnung und musste aufpassen wie ein Spitz, um wenigstens ein Quäntchen von dem zu verstehen, worüber ich später einen Artikel schreiben sollte. Ich antwortete ausweichend: »Möglicherweise aus den Augenwinkeln.«
Dabei hatte ich das Bild vor Augen, das mich regelmäßig des Nachts heimsuchte, wenn ich abends kurz vor dem Schlafengehen noch rasch in eine Dresdner Neustadtkneipe
ging, um dort ein Glas Wein zu trinken und bald darauf eiligst die Horizontale aufzusuchen. Journalisten mussten im Osten früh aufstehen. In der Kulturredaktion der Sächsischen Zeitung fand morgens um neun Uhr die erste Besprechung statt, und man durfte keinesfalls zu spät kommen, schon gar nicht als Westdeutsche. Die galten als notorische Langschläfer.
Bei diesen Gelegenheiten, abends in der »Planwirtschaft« oder im »Raskolnikoff«, sah ich sie rechts und links an den Tischen sitzen, die schwarzen Raben in ihrer schweren Lederkluft,
sah die kahl geschorenen Köpfe, die markanten Gesichter und scannte die dazugehörigen jungen Männer rasch aus den Augenwinkeln, um unauffällig herauszufinden, ob ich einen von ihnen kannte. Cool musste man dabei sein, total abgeklärt, mit komplett versteinertem Gesicht
vorgehen, denn gerade solchen Neustadt-Typen durfte man keinesfalls zeigen, dass man auch nur das geringste Interesse an ihnen hatte. Wer als Frau seine Neugier nicht verbergen
konnte, hatte schon Schwäche gezeigt, und das wird von Männern – im Osten wie im Westen – bekanntlich postwendend ausgenutzt.
War das also einer von diesen schwarzledernen Typen aus der Neustadt, der da vor mir stand? Und den ich jetzt sagen hörte: »Ja, genau diese Augenwinkel habe ich schon einmal irgendwo gesehen.« Ich blickte überrascht von meinem Notizblock auf. Einer von diesen kahlköpfigen Raben, die sich alle so dermaßen fabelhaft vorkamen, dass man sie lieber gar nicht ansprach, konnte charmant sein? Und warum hielt er sich mit der rechten Hand an der linken Schulter fest? Ich lachte, und mir fiel tatsächlich nichts Besseres ein, als zu sagen: »Na ja, vielleicht im Raskolnikoff, oder so.«
Das war’s. Bis hierhin und nicht weiter. Nicht einmal unsere Vornamen tauschten wir aus, geschweige denn Adressen. Eine Telefonnummer wäre sowieso nutzlos gewesen. Schließlich hatte kaum jemand einen Anschluss. Nichts, gar nichts. Schrat hatte in seiner Feinfühligkeit längst gemerkt, dass ich hektisch gestimmt und beschäftigt war. Außerdem fühlte er sich in gewisser Weise eingeschränkt durch seine angeklebten Fingerspitzen. Selbst wenn er gewollt hätte, er wäre gar nicht in der Lage gewesen, einen Namen aufzuschreiben.
Aber ich wusste immerhin, in welche Kneipe er zu gehen pflegte. Wollte ich den schwarzen Raben wiedersehen, dachte ich, als ich ins Auto stieg, um eiligst über die Autobahn zurück nach Dresden und in die Redaktion zu rasen, dann würde ich genau in dieses Etablissement in der Böhmischen Straße marschieren müssen. Dort schien er Abend für Abend zu sitzen.

  Christine Brühl, Christine Gräfin Brühl, Christine von Brühl, Christine Gräfin von Brühl, Dr. Christine Gräfin von Brühl